Manipulation im Schwangerschaftskonflikt



Unsere Schwangeren im Konflikt sind häufig wütende, manchmal geradezu unerträgliche, in jedem Falle aber sehr verletzte und deutlich manipulierte Frauen. Strippenzieher im Hintergrund des Schwangerschaftskonfliktes sind Kindesväter, Großeltern des ungeborenen Kindes, Arbeitgeber und Freundinnen der Schwangeren, Ärzte und andere, die aus den unterschiedlichsten Gründen auf verschiedene Weise von der Abtreibung profitieren und sie deshalb vorantreiben. Dabei gehen sie so subtil vor, dass die Schwangere die Manipulation gar nicht realisiert, sondern sich vielmehr selbst die Argumente der Manipulatoren zueigen macht.

Merkt sie dann, dass ihre unhaltbaren Argumente im Beratungsverlauf zerbröseln, wird sie wütend. Doch meist beginnt genau dann die Wende, wird ihr meist dann langsam klar, dass sie Marionette ist, wenn sie alles das, was man ihr angetan hat (oder sie sich selbst antat) an uns auslässt – wir stehen das durch und finden dabei neue Argumente gegen das Töten.

Diesen Moment, in dem der Schwangeren bzw. dem Kindesvater die Manipulation bewusst wird, der sie aufsitzen, stellen wir heute in den Vordergrund:


Daria


Die ganze Nacht hindurch warf sie uns Unverschämtheiten an den Kopf, weil wir „uns ungefragt in ihr Leben einmischen“, und demütigte ununterbrochen ihren anwesenden Bruder, der uns zu Hilfe gerufen hatte. Inzwischen war es ihr auch noch gelungen, ihn ihrerseits so zu manipulieren, dass er sich gegen seinen Willen nun sogar bereit erklärt hatte, sie am Morgen zur Abtreibung zu fahren.

Gegen 5.30 Uhr waren wir mit unserem Latein am Ende, ihr Bruder weinte, Darias Verhalten zeigte immer mehr Eiseskälte. Wir mussten uns geschlagen geben, übermüdet gingen wir mit ihr an die Tür, und als wir da unterhalb der 3 Treppenstufen standen und zu der mit verschränkten Armen dastehenden jungen Frau hochblickten, kam uns völlig unvermittelt eine Assoziation:

„Daria, haben Sie sich mal gefragt, woran es liegt, dass die Königshäuser ihre Neugeborenen voller Stolz herzeigen und dabei so dastehen, wie Sie jetzt: oberhalb einiger Treppenstufen. Frisch-gebackene Mutter und frischgebackener Vater platzen vor Stolz aus allen Nähten, sind übernächtigt und stehen trotzdem mit strahlenden Gesichtern im Blitzlichtgewitter der Presse. Wie erklären Sie sich dieses so ganz andere Auftreten? Das ist doch ein Phänomen oder?“

Aber sie war keineswegs auf den Mund gefallen: „Klar, kann ich das erklären: Für die Königshäuser ist ihre Brut ja die reinste Wunderwaffe!“ Verblüfft fragten wir zurück: „Wie kommen Sie denn auf so was?!“

„Gucken Sie doch mal die Dokumentationsreihe 'Royale Kindheit' an! Da sagen die Reporter: Für die Royals sind ihre Kinder die reinsten Wunderwaffen! Das sehe ich genauso! Das ist doch eine Sauerei, Kinder als Waffen zu benutzen, um heile Welt darzustellen, damit sie weiter Steuergelder fürs Nichtstun beziehen können!“

DAS war ein Widerspruch ganz nach unserem Herzen: „Hm, heißt das: Sie sehen selbst Kinder auch als Waffe an? Und warum geben Sie dann ausgerechnet Ihre schärfste Waffe in ca. 1 Stunde aus der Hand? Freiwillig? Kostenlos? Warum setzen Sie Ihr Kind nicht genau wie die Royals als Waffe ein? Warum präsentieren Sie denn Ihrem Udo nicht auch voller Stolz seine neugeborene Tochter oder seinen Sohn? Das ist doch wesentlich erfolgreicher wie Sie wissen?“

Daria verstummte und kämpfte plötzlich mit den Tränen.

Da nahm sie ihr Bruder in den Arm und sagte: „Komm wieder rein, ich mache Frühstück. Du willst doch mit dem Udo zusammenbleiben und nur weil der sich jetzt so aufführt, machst Du den größten Fehler Deines Lebens und ziehst auch noch mich mit rein! Lass uns überlegen, wie wir das mit der Kinderwaffe besser und viel gescheiter hinkriegen ...“

Damit war das Thema Abtreibung vom Tisch, den Termin haben wir liebend gerne für Daria abgesagt.



Lennart


Sehr smart mit Anzug und Krawatte (er macht eine Ausbildung im Hotel) führte Lennart die Debatte, während Claire angesichts seines überzeugenden „Abschlussvortrages“ (diesen Ausdruck verwendete er selbst) schon lange stumm auf den Boden blickte. Die Schultern hingen vornüber und sie war traurig, aber entschlossen, Lennart nicht mit der Schwangerschaft „vor den Kopf zu stoßen und sich nicht plötzlich so anzustellen“.

Lennart offenbarte, dass er keineswegs leichtsinnig über Abtreibung entschieden habe. Er habe vielmehr ein ausführliches Gespräch mit seiner Mutter geführt, stundenlang:

„Kinder haben bedeutet: keine Nachtruhe mehr, die Nerven liegen blank, sie sind ungehorsam, die Pubertät ist für alle Eltern der reine Horror, wenn man mal ausgehen will, machen sie ein Mordsgeschrei und bekommen garantiert Fieber. Außerdem haben sie unendlich viele unerfüllbare Wünsche und das Gezeter bei jedem Einkauf lässt Eltern die Kinder in die Hölle wünschen ...“


Auf unser Nachfragen erfuhren wir: Seine Mutter hat ihn alleine großgezogen, seinen Vater hat er nie kennengelernt, obwohl er sich das so sehr gewünscht hat. Nun habe er eben die Chance, in dem bekannten Hotel gesellschaftlich aufzusteigen und er stehe in einem Jahr vor schwierigen Prüfungen und möchte es langfristig bis zum Hoteldirektor schaffen. Dann können Kinder kommen, soviel Claire mag.


„Hat Ihre Mutter ausschließlich negative Dinge über Kinder gesagt oder auch positive?“, wollten wir von ihm wissen und erlebten erneut seine Souveränität:

„Nein! Kinder sind ein Klotz am Bein, mit denen rutschst du in die Armut, sie machen nie das, was sie sollen und sind im Großen und Ganzen unerträglich! Sie machen es einem schwer, sie zu lieben. Meine Mutter ist eine erfahrene Frau, sie hat immer nur das Beste für mich gewollt und ich werde weder sie enttäuschen noch meinem Leben jetzt diese Last aufbürden ...“

Er sagte das in einem unfreundlichen Ton und schaute uns die ganze Zeit unbeirrt in die Augen, ohne zu schwanken und zu wanken.

„Tja, was soll ich darauf sagen?“, antwortete ich. „Das ist jetzt nicht leicht für mich: Wir reden ja hier über IHR Leben, das ist IHRE Lebensbühne. Wir gehen nur auf der abgedunkelten Bühne herum und machen hier und da ein Licht an, um zu schauen, ob in der Ecke etwa der Wahnsinn lauert ...“

„Welcher Wahnsinn denn?“, wollte er verärgert wissen.

„Nun ja, der Wahnsinn zeigt sich ja nicht offen. Er liegt in den dunklen Ecken und wartet darauf, zuzuschlagen. Bei Ihnen haben wir jetzt eine solche dunkle Ecke gefunden und ich weiß nicht, ob ich DIESES Licht anknipsen soll oder nicht, ob Sie das aushalten ...“

Lennart schnaubte. „Pfff! Ich halte das aus – wie heißt denn der Wahnsinn [sehr betont ausgesprochen], den Sie da in Ihrem Herumstochern gefunden haben wollen?“

Ich druckste noch ein bisschen herum, weil ich wirklich nach Worten suchte und schaute ihn schließlich an:

„Ist Ihnen im Gespräch mit der Mutter kein einziges Mal klargeworden, dass sie dabei über SIE als Kind gesprochen hat, während sie so vom Leder zog? Waren Sie denn so ein böses Kind? Wenn dem so war, dann kann ich die Haltung Ihrer Mutter nachvollziehen!“

Da geschah etwas mit ihm: Er schaute mich empört an, eine beeindruckend steile Augenbraue schoss in seine Stirn und er schüttelte fassungslos den Kopf. Zunächst sprachlos fasste er sich schließlich: „Ich war ein total ruhiges Kind, ich war einsam und alleine zu Hause, während meine Mutter zur Arbeit ging. Ich habe nie Widerworte gegeben, ich habe mich nie schreiend im Supermarkt auf dem Boden herumgewälzt. Zu Hause habe ich das Bad und die Küche geputzt, den ganzen Abwasch schon als kleiner Junge gemacht, während die anderen Jungs draußen

Fußball spielten. Ich wäre so gern gewesen wie sie! Und immer habe ich die anderen Kinder zum Beispiel am Muttertag oder noch mehr am Vatertag beneidet, weil die Familie vollständig war! Ich war viel zu ruhig und viel zu still, so würde ICH es heute sagen!“


Ich schaute ihn traurig an – und sagte nichts. Da fing er an zu weinen und wollte von mir wissen, warum seine Mutter es fertigbrachte, derart schlecht über ihn zu reden. DAS konnte ich ihm in den folgenden langen Beratungsstunden erklären.


Den Abtreibungstermin durften wir absagen.


Bilder von Greg McMahan auf Pixabay

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