"Dann kann ich ihn ja versorgen!"

Valentinas versteinertes Gesicht und ihre Kopfhaltung sprechen Bände: Sie ist wütend darüber, dass sie nicht „selbstbestimmt ihre Sexualität leben darf.“


Sich bemühend, nicht vollends auszurasten, ruft sie über den Tisch: „Sie wollen also ganz genau wissen, warum ich dieses [klopft sich auf den Bauch] nicht kriegen will?“ Dabei schnellt ihr Arm nach vorn und zeigt auf den mitgebrachten 10-jährigen Marco, der mehrfach vergeblich versuchte, sich dem Gespräch zu entziehen. Marcos linkes Bein ist seit seiner Geburt versteift und ob es je gerichtet werden kann, ist fraglich. Marco erschrickt über den vorgeschossenen Arm mit dem ausgestreckten Zeigefinger, aber Valentina nimmt jetzt überhaupt keine Rücksicht mehr auf ihn: „Einen Krüppel habe ich schon am Hals und sein Vater ist einfach abgehauen – soll ich Ihrer Meinung nach also ruhig noch einen zweiten Krüppel großziehen?! Und können Sie mir dann auch noch verraten, wie ich uns ernähren soll? Ich muss ja schließlich arbeiten gehen!“

Ich versuche, ihren Ausbruch in sachlichere Aussagen zu kleiden: „Seit wann haben Sie denn eine Diagnose auf Behinderung für das Ungeborene vorliegen?“ Als Antwort kommt nur zorniges Kopfschütteln, aber bevor sie erneut loslegen kann, fängt der bisher schweigende Marco an zu weinen und wirft ihr vor: „Wieso bin ich auf einmal ein Krüppel? Wenn ICH morgens das Frühstück richte, dann mache ich das als Krüppel, wenn ICH mittags das Abendessen vorkoche, damit wir Abends zusammen essen können, dann mache ich das auch als Krüppel. Warum sagst Du die ganze Zeit, dass ich kein Krüppel bin und jetzt bin ich dann doch einer?! Weißt Du was? ICH denke mir, Du lässt Deine Wut an uns Kindern aus! Du willst alles beherrschen und jedem willst Du alles vorschreiben! ICH jedenfalls will endlich einen Bruder, einen mit dem ich mich unterhalten kann. Und wenn Du ihn nicht willst, dann kann ich ihn ja versorgen, wenn Du zur Arbeit gehst, ICH der Krüppel!“


Es war mit einem Mal ganz still im Raum und auch ich rang nach Worten. Dieses Mal war Valentina schneller: „Wir waren uns doch die ganze Zeit darüber einig, dass keine Geschwister in Frage kommen, wieso redest Du jetzt solch einen Stuss daher?“

Marco: „Ich rede keinen Stuss, Du redest Stuss, die ganze Zeit schon. Ich bin kein Krüppel und ich habe Euch die ganze Zeit zugehört [er weint] – Erwachsene sind schreckliche Menschen und Du bist der schrecklichste!“


Ich brauchte noch fast 4 Stunden, um ihr zu erklären, dass sie gute Erziehungsarbeit geleistet haben muss, wenn Marco zu solchen Gedanken und Aussagen fähig ist, und dass es ein furchtbarer Fehler war, ihn in diese Abtreibungsgeschichte mit hineinzuzwingen und ein weiterer entsetzlicher Fehler, ihm wegen seiner kleinen Behinderung anzulasten, dass sie sein Geschwisterkind wegmachen lassen will. Sie schiebe Marco vor und wolle rücksichtslos ihre Interessen durchsetzen – und zwar auf Kosten Dritter, in diesem Fall ihrer Kinder.

Die aufgestaute Wut galt in Wahrheit weder Marco noch mir, sondern den beiden Männern, die sie so ausgenutzt haben – und damit richtete sich die Wut gegen sie selbst. Am Ende siegte Marcos Vorschlag, der so plötzlich angefangen hatte, wie ein Löwe zu kämpfen.

Er kümmert sich rührend um seine mittlerweile geborene kleine Schwester („ihr ist es egal, wie mein Bein aussieht!“) und ist entschlossen, später einmal Arzt zu werden.


Unterstützung für Valentina: EUR 12.257,40

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Schwangerschaftskonflikten